Archiv für den Monat: April 2015

Der Duft von Kindheit

Ich bin ein wie ein Hund – immer der Nase nach. Daher verbinde ich alle Eindrücke und Erlebnisse sofort mit dem dazu gehörenden Geruch. Ich kann zum Beispiel nie an Lavendel vorbei gehen, ohne an den großen Wäscheschrank meiner Urgroßmutter in diesem ewig langen Vorzimmer zu denken. Meine Kindheit ist mit vielen Bäckerei-Gerüchen und den dazu gehörenden Geschmackserlebnissen verbunden. Ich erinnere mich noch genau an die Rattenfängerqualitäten unserer Nachbarinnen, als wir Kinder waren.
Halb Schlüsselhof und Waldsdorf spielte beim Milchhüttl „Voda leich‘ ma d‘ Scher“ als ein Duft dieses Spiel jäh beendete. Frau Peterbauer zog gerade das frisch gebackene Brot aus dem Ofen. Wie ein Magnet zog uns dieser Geruch an und schürte die Hoffnung auf ein Stückerl dieser knusprigen Köstlichkeit. Wenn sie uns dann noch ein wenig Butter darauf schmierte, war die Seligkeit perfekt.
Wenn die Ribisel reiften, war meine Mutter so eine Rattenfängerin in unserem Weiler. Die Nachbarskinder und wir wurden zur Hilfe gerufen, um diese sauren Beeren zu pflücken und sie in die Küche zu bringen. Ab diesem Moment hielt sich die Lust in den Wald zu laufen in Grenzen und wir spielten erwartungsvoll bei uns im Hof und auf der Terrasse irgendwelche langweiligen Puppenspiele, um ja nicht den großen Moment zu versäumen, wenn die Ribiselschnitten aus dem Ofen kamen. Dieser Duft – und dann der Geschmack…Zuerst der klebrige, süße Schaum, der auf der Zunge schmolz und dann die Explosion, wenn man eine dieser sauren Kugeln zerbiss – einfach nur herrlich. Den Boden brauchte keiner so wirklich, den ließen wir oft heimlich am Misthaufen verschwinden.
Wenn die Winterkälte beim Spiel im Freien in die Knochen fuhr, warteten wir immer schon auf den erlösenden Ruf von Frau Schwar, die uns in der großen Wohnküche dann picksüßen Hagebutten-Tee kredenzte und frischgebackene Krapfen dazu servierte. In einer großen Rein am Herd schwammen diese luftigen Köstlichkeiten in Schweineschmalz und schienen nur auf uns zu warten.
Bei diesen Erinnerungen machte sich bei mir oft Wehmut breit, denn ich dachte, dieser Duft wäre für immer verloren, bis ich die Thaler „Hofbäckerei“ entdeckte.
Diese Bäckerei hat nichts zu tun mit dem eleganten Hoflieferanten aus Graz. Sie liegt versteckt in Thal-Linak in einem Gebäude, das von außen noch nicht sehr einladend aussieht. Beim ersten Mal bin ich daran vorbei gefahren, da auch kein Hinweisschild in irgendeiner Form den Weg weist. Wenn man sich aber traut, den steilen Weg zum Haus hinunter zu marschieren und die Türe zu öffnen, kann man in seine eigene Kindheit eintauchen. In einer Stellage am hinteren Ende des Raums liegen sie, sauber nebeneinander und übereinander gestapelt – riesige Laibe von frischen Bauernbroten und herrlich flaumigen Milchbroten – und erst dieser Duft!
In Steigen warten bereits weitere Leckerbissen auf den Marktverkauf am nächsten Tag. Die immer fröhliche junge Bäckerin und ihr zuvorkommender Mann, sind gerne bereit diese Steigen noch einmal auseinander zu nehmen und die Köstlichkeiten anzubieten. Ganz selbstverständlich und nie grantig schaffen die beiden den Spagat zwischen Kind, Hof, Bäckerei und Markt. Zwischendurch necken sie einander zärtlich, wenn zu viele Kaufende gleichzeitig die Bäckerei betreten und Stress mitbringen.
Rouladen mit verschiedenen Füllungen, Schoko- und Eierlikör Kranz-Kuchen – auch laktosefrei, Apfelkuchen, Topfenkuchen, meine heißgeliebten Ribiselschnitten, Potizen mit Nuss- und Mohnfülle, Schaumrollen, Kekse, Polsterzipf und im Faschig ganz frische Krapfen – alles wartet nur darauf gekostet und als wertvolle Beute mit nach Hause genommen zu werden. Ich könnte mich in diese Gerüche einwickeln, so geborgen fühle ich mich dort. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ich gerne noch mit diesen jungen und fleißigen Menschen, die so gar nichts mit der viel bemaulten Generation X zu tun haben, ein Tratscherl halte. Wenn man nur lange genug dort verweilt, bekommt man erst mit, dass es in der Bäckerei noch andere Köstlichkeiten zu erstehen gibt: Ganz frische Eier, herrlich erfrischenden Apfelsaft und vor allem wunderbare Aufstriche, die in Verbindung mit dem frischen Bauernbrot einfach nur satt und zufrieden machen.
Heute ist es wieder so weit, meine Sehnsucht nach Kindheit wird wieder auf’s Schönste befriedigt werden. Allen, die auch ein wenig Auszeit vom Alltag brauchen und in eine andere Welt eintauchen möchten, kann ich nur empfehlen:

Ab zu Linkes nach Thal-Linak. Öffnungszeiten: Jeden Freitag, 15 – 18 Uhr. Bitte nicht früher, das bringt die jungen Leute etwas aus dem Gleichgewicht 😉

Unbequeme Auferstehung!

Nach längerer krankheitsbedingter Abstinenz geht sie heute das erste Mal wieder auf die Straße. Sie ist zwar keine Thalerin, ist aber aus Thal beinahe nicht mehr weg zu denken – Frau Hollerer.
Sie hat einen unermüdlichen Einsatz für die BewohnerInnen der Steinbergstraße und gegen die Deponie. Unerschütterlich sucht sie Plattformen um zu informieren und mobilisieren. Vielen geht die ältere Dame mit ihren postings auf Facebook nur mehr auf die Nerven. Viele schütteln verständnislos den Kopf, wenn sie von allen Themen, über alle erdenklichen Umwege, auf die Deponie in der Haslau kommt. Viele wünschen ihr als Mensch das Beste, hätten aber gerne, dass sie endlich von der Bildfläche verschwindet.
Ich persönlich bewundere diese Dame und ihr Engagement. Sie ist über 70, nicht mehr wirklich gesund, die Deponie berührt sie persönlich nur tangential – und trotzdem wird sie nicht müde auf der Straße in der Kälte zu stehen, um gegen diese entbehrliche Deponie zu demonstrieren. Wir brauchen solche Menschen, denen nicht sofort wieder alles egal ist, die uns Unrecht immer wieder ins Gedächtnis rufen, damit es nicht unter dem Mantel des Schweigens vor sich hin schwelt.
Warum finden wir in der Realität diese Menschen nach kürzester Zeit nur mehr nervig?
Gespannt verfolgen wir ähnliche Geschichten als Spielfilme im Fernsehen. Wir unterstützen die meist weiblichen Aufdeckerinnen von Umweltskandalen mental, bis sie es endlich geschafft haben. Wir würden ihnen mit Freuden dabei behilflich sein, die richtigen AnsprechpartnerInnen ausfindig zu machen und wichtige Papiere für ihre Vorhaben zu finden. Am liebsten wären wir Juristen, die Gesetzeslücken finden, um alles verhindern zu können. Wir warten mit den Protagonisten auf erlösende Anrufe und sind gemeinsam mit ihnen bei Rückschlägen verzweifelt. Am Ende feiern wir den vorprogrammierten Erfolg gemeinsam mit ihnen, verstohlen eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel wischend. Warum immer nur im Film?
In der Realität verschanzen wir uns hinter Gesetzestexten, die ja wohl Recht von Unrecht unterscheiden können und damit basta.
Das muss ja wohl die dümmste Demonstrantin endlich verstehen!
In der Realität verlieren wir in der Flut von Informationen nach kürzester Zeit das Interesse, oder kräht noch irgendein Hahn nach den Umweltsünden in Fukushima? Nein, wir beziehen sogar unseren Fisch wieder aus Fanggebieten, die unweit der Katastrophe liegen.

Solche Menschen wie Frau Hollerer stören uns in unserem Vergessen. Sie schleichen sich unbemerkt durch ihre Wiederholungen in unser Langzeitgedächtnis und rumoren dort immer wieder als kurzes Aufflackern von schlechtem Gewissen. Sie erinnern uns an unser „Floriani-Prinzip-Gedächtnis“, denn was schert uns das Elend anderer? „Gott sei Dank wohnen wir nicht an der Steinbergstraße!“, sollen die nur machen.
Die sind aber zu wenige.
Die brauchen Unterstützung.
Die wollen sich durch einen Bescheid nicht die nächsten Jahre ihre Lebensqualität nehmen lassen.
Die brauchen Menschen wie Frau Hollerer, um den Glauben an Wunder nicht zu verlieren – und Frau Hollerer braucht uns alle.
Uns damit wir ihr Mut zusprechen.
Uns, damit wir eventuell vorhandene Beziehungen spielen lassen.
Uns, damit sie nicht den Glauben an die Menschheit verliert.
Frau Hollerer ist nicht nur eine nervige alte Schachtel, der fad ist.

In Wahrheit ist sie ein Hero vor der eigenen Türe mit einem einzigen Handicap – sie ist nicht so jung und schön, wie Julia Roberts in „Erin Brockovich“.

Einfach zum Nachdenken!