Der Duft von Kindheit

Ich bin ein wie ein Hund – immer der Nase nach. Daher verbinde ich alle Eindrücke und Erlebnisse sofort mit dem dazu gehörenden Geruch. Ich kann zum Beispiel nie an Lavendel vorbei gehen, ohne an den großen Wäscheschrank meiner Urgroßmutter in diesem ewig langen Vorzimmer zu denken. Meine Kindheit ist mit vielen Bäckerei-Gerüchen und den dazu gehörenden Geschmackserlebnissen verbunden. Ich erinnere mich noch genau an die Rattenfängerqualitäten unserer Nachbarinnen, als wir Kinder waren.
Halb Schlüsselhof und Waldsdorf spielte beim Milchhüttl „Voda leich‘ ma d‘ Scher“ als ein Duft dieses Spiel jäh beendete. Frau Peterbauer zog gerade das frisch gebackene Brot aus dem Ofen. Wie ein Magnet zog uns dieser Geruch an und schürte die Hoffnung auf ein Stückerl dieser knusprigen Köstlichkeit. Wenn sie uns dann noch ein wenig Butter darauf schmierte, war die Seligkeit perfekt.
Wenn die Ribisel reiften, war meine Mutter so eine Rattenfängerin in unserem Weiler. Die Nachbarskinder und wir wurden zur Hilfe gerufen, um diese sauren Beeren zu pflücken und sie in die Küche zu bringen. Ab diesem Moment hielt sich die Lust in den Wald zu laufen in Grenzen und wir spielten erwartungsvoll bei uns im Hof und auf der Terrasse irgendwelche langweiligen Puppenspiele, um ja nicht den großen Moment zu versäumen, wenn die Ribiselschnitten aus dem Ofen kamen. Dieser Duft – und dann der Geschmack…Zuerst der klebrige, süße Schaum, der auf der Zunge schmolz und dann die Explosion, wenn man eine dieser sauren Kugeln zerbiss – einfach nur herrlich. Den Boden brauchte keiner so wirklich, den ließen wir oft heimlich am Misthaufen verschwinden.
Wenn die Winterkälte beim Spiel im Freien in die Knochen fuhr, warteten wir immer schon auf den erlösenden Ruf von Frau Schwar, die uns in der großen Wohnküche dann picksüßen Hagebutten-Tee kredenzte und frischgebackene Krapfen dazu servierte. In einer großen Rein am Herd schwammen diese luftigen Köstlichkeiten in Schweineschmalz und schienen nur auf uns zu warten.
Bei diesen Erinnerungen machte sich bei mir oft Wehmut breit, denn ich dachte, dieser Duft wäre für immer verloren, bis ich die Thaler „Hofbäckerei“ entdeckte.
Diese Bäckerei hat nichts zu tun mit dem eleganten Hoflieferanten aus Graz. Sie liegt versteckt in Thal-Linak in einem Gebäude, das von außen noch nicht sehr einladend aussieht. Beim ersten Mal bin ich daran vorbei gefahren, da auch kein Hinweisschild in irgendeiner Form den Weg weist. Wenn man sich aber traut, den steilen Weg zum Haus hinunter zu marschieren und die Türe zu öffnen, kann man in seine eigene Kindheit eintauchen. In einer Stellage am hinteren Ende des Raums liegen sie, sauber nebeneinander und übereinander gestapelt – riesige Laibe von frischen Bauernbroten und herrlich flaumigen Milchbroten – und erst dieser Duft!
In Steigen warten bereits weitere Leckerbissen auf den Marktverkauf am nächsten Tag. Die immer fröhliche junge Bäckerin und ihr zuvorkommender Mann, sind gerne bereit diese Steigen noch einmal auseinander zu nehmen und die Köstlichkeiten anzubieten. Ganz selbstverständlich und nie grantig schaffen die beiden den Spagat zwischen Kind, Hof, Bäckerei und Markt. Zwischendurch necken sie einander zärtlich, wenn zu viele Kaufende gleichzeitig die Bäckerei betreten und Stress mitbringen.
Rouladen mit verschiedenen Füllungen, Schoko- und Eierlikör Kranz-Kuchen – auch laktosefrei, Apfelkuchen, Topfenkuchen, meine heißgeliebten Ribiselschnitten, Potizen mit Nuss- und Mohnfülle, Schaumrollen, Kekse, Polsterzipf und im Faschig ganz frische Krapfen – alles wartet nur darauf gekostet und als wertvolle Beute mit nach Hause genommen zu werden. Ich könnte mich in diese Gerüche einwickeln, so geborgen fühle ich mich dort. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ich gerne noch mit diesen jungen und fleißigen Menschen, die so gar nichts mit der viel bemaulten Generation X zu tun haben, ein Tratscherl halte. Wenn man nur lange genug dort verweilt, bekommt man erst mit, dass es in der Bäckerei noch andere Köstlichkeiten zu erstehen gibt: Ganz frische Eier, herrlich erfrischenden Apfelsaft und vor allem wunderbare Aufstriche, die in Verbindung mit dem frischen Bauernbrot einfach nur satt und zufrieden machen.
Heute ist es wieder so weit, meine Sehnsucht nach Kindheit wird wieder auf’s Schönste befriedigt werden. Allen, die auch ein wenig Auszeit vom Alltag brauchen und in eine andere Welt eintauchen möchten, kann ich nur empfehlen:

Ab zu Linkes nach Thal-Linak. Öffnungszeiten: Jeden Freitag, 15 – 18 Uhr. Bitte nicht früher, das bringt die jungen Leute etwas aus dem Gleichgewicht 😉

2 Gedanken zu „Der Duft von Kindheit

  1. Wie wunderbar zu lesen und wie herrlich treffend liebe Dorfschreiberin, vielen Dank! Auch ich könnt ein Loblieb auf die zwei fleißigen Bienchen in Linak singen, wie sie uns immer mit ihren Köstlichkeiten versorgen. Mit ihren Erdäpfel gelingen die Gnocchis ganz von allein und nicht zu vergessen das grüne Gold, dass man in hervorragender Qualität und günstig sogar Flaschenweise bei ihnen erstehen kann. Meinen größten Respekt vor diesem Einsatz mit Herz und Hingabe!

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