Status vs. Bildung

Aus aktuellem Anlass möchte ich heute einmal über das Thema Kinder und Lernen zu sprechen kommen. Wie viele von euch wissen, bin ich beruflich stark mit dem Thema verbandelt. Ich bin immer wieder verblüfft, wie viel Eltern für ihre Kinder tun, aber welch geringen Stellenwert das Thema Bildung in diesem Zusammenhang hat. Wenn sich ein Kind im Kindergarten oder in der Schule ungerecht behandelt fühlt, ist gleich einmal Feuer am Dach, steht die Entwicklung still, fällt es kaum jemandem auf. Gesunde Ernährung, abwechslungsreiche Freizeitgestaltung, zur Verfügung stehende Materialien und eine nette bauliche Umgebung sind super wichtig, aber die pädagogische Qualität der Betreuung wird selten bis gar nicht hinterfragt.
Tausende von Euros werden für die Bespaßung der Sprösslinge ausgegeben, aber wenn es ums Lernen geht, muss alles gratis sein. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Lehrerinnen und Lehrer direkt von den Eltern bezahlt. Das war für viele wirklich ein hart ersparter Brocken, aber wie fast überall gilt scheinbar auch hier das Sprichwort: „Was nix kost‘, is nix wert!“. In meiner Kindheit galten Lehrende noch etwas, und war meine Mutter zu einer Sprechstunde geladen, wurde dort nicht die Lehrerin oder der Lehrer wegen ihrer oder seiner Unfähigkeit beschimpft, sondern ich konnte mir danach etwas anhören, mich auf meinen Hosenboden setzen und lernen. Falls ich es alleine nicht bewerkstelligen konnte, bekam ich um teures Geld jemanden an meine Seite, der mir half – dafür gab es allerdings kein Taschengeld in dieser Zeit. So lernte ich bereits in meiner Jugend, dass das eigene Handeln Konsequenzen hat.
Viele Eltern fühlen sich schuldig, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben, da das tägliche Leben so viel Geld verschlingt, dass alle ständig arbeiten müssen. Dabei darf man aber nicht übersehen, dass unser Lebensstandard schon recht hoch ist. Argwöhnisch wird das Treiben in Nachbars Garten beobachtet. Neuer Rasenmäher, neuer Griller, neue Terrasse, neues Auto, Gärtner, Putzfrau, langer Urlaub in exotischen Ländern – wenn die das können, muss ich auch. Muss ich das wirklich auch? Bringt das alles wirklich so viel mehr Lebensqualität? Wäre es nicht viel schöner, sich mit seiner Familie zu beschäftigen und über ihre Freuden und Probleme Bescheid zu wissen? Wäre es nicht schöner, das Geld in die Bildung seiner Kinder zu investieren, ihnen Verantwortung, Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken? Lernprobleme von Kindern stellen oft das ganze Familienleben auf den Kopf. Die kurze Freizeit wird zur Qual, Wochenenden existieren nicht mehr – und das alles nur, weil uns die Zeit fehlt, rechtzeitig zu erkennen, dass unsere Kinder Hilfe brauchen und ihnen diese dann auch zeitnah zu ermöglichen.
Das schlechte Gewissen wird oft mit Geschenken kompensiert, das schlechte Familienklima bleibt.
Übrigens ist das schlechte Gewissen unbegründet, auch früher mussten die Frauen in vielen Gesellschaftsschichten hart arbeiten, um ihr Auslangen zu finden. Damals wussten sie aber eines, ihre Kinder würden es einmal besser haben, denn bessere Bildung – höhere Chancen. Und nicht iPhone und du gehörst dazu.
Selbstwert lässt sich nicht durch Warenwert erzeugen, er steigt durch konsequente Bestätigung des eigenen Wissens und Könnens.
Etwas nicht zu können ist keine Schande, es dabei zu belassen aber schon.
Viel Ärger und Streit können wir uns sparen, wenn wir uns von Anfang an für die Bildung unserer Kinder interessieren und die Verantwortung dafür selbst übernehmen.
Schaut wieder einmal in die Hefte und Bücher eurer Kinder und recherchiert, ob sie Hilfe brauchen! Am Zeugnistag ist es zu spät, dann könnt ihr euch den Tadel für schlechte Noten auch gleich sparen.

3 Gedanken zu „Status vs. Bildung

  1. Danke! Die Worte sprechen mir aus der Seele, besonders der Teil: „aber, die pädagogische Qualität der Betreuung wird selten bis gar nicht hinterfragt.“

    Noch schlimmer ist dann, wenn du das tust und nicht ernst genommen wirst. Und wenn die einzige Lösung ist, die Kinder aus der Betreuung zunehmen, obwohl du nicht weißt wie du alles unter einen Hut bringen sollst….
    Es gibt so viele gut ausgebildete Pädagogen, die von Herzen gern mit Kindern arbeiten und das richtige Händchen dafür haben – so jemanden wünsch ich mir für meine Kinder. Ist das zu viel verlangt?!?

    1. Ich denke, es ist ganz wichtig dies zu verlangen. Den Eltern muss aber auch klar sein, dass verantwortungsvolle Arbeit mit Kindern auch einen gewissen Preis hat. Jede Reinigungskraft bekommt besser bezahlt als KinderbetreuerInnen. Hier zu sparen finde ich beinahe fahrlässig!

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