… nur Gedanken

Es ist Samstagvormittag und ich genieße die ländliche, gemütliche Betriebsamkeit, die an diesem Tag herrscht. Rasenmäher rundum mich erinnern mich daran, dass mein eigener Garten Hilfe von mir braucht. Von weitem hört man das Geräusch fleißiger Traktoren. Wenn ich die Augen schließe und mich in Urlaubsstimmung versetze, erkenne ich darin Motorboote, die am Meer ihre Kreise ziehen. Eine leichte Brise kommt auf und ich trinke die Reste meines Kaffees aus. Ab unter die Dusche, beschließe ich – genug gefaulenzt. Ich drehe den Wasserhahn auf und höre dem Prasseln des Wassers auf meiner Haut zu.

Plötzlich durchbricht ein neues Geräusch die Monotonie des Wassers. Ich drehe die Dusche ab und höre, dass es gellendes Schreien ist, das meine Idylle durchbricht. Beinahe panikartig trockne ich mich notdürftig ab und suche nach „schneller“ Kleidung. Noch während des Suchens ärgere ich mich über mein Tun. Wer so brüllt braucht rasch Hilfe und da muss es doch egal sein, ob ich angezogen bin, oder nicht.
Ich stürze nach unten auf den Balkon und sehe in einem Feld unten, beinahe schon im Talgrund, bereits eine große Menschenansammlung inmitten einer Menge großer Heuballen und Bretter. Ich erinnere mich daran, dass da unten heute ein Stadl eingerissen wird. Ich bin beruhigt, dass bereits so viele Menschen unten sind, aber das ungute Gefühl nichts zu tun, bleibt. Ich beschließe, gegen meinen ersten Reflex, nicht hinunter zu gehen, habe Angst als schaulustig zu gelten, will mich nicht wichtigmachen.

Es werden immer mehr Menschen – Traktoren kommen, ein Polizeiwagen, die Rettung – immer mehr Menschen sammeln sich. Die gemütliche Betriebsamkeit des Morgens weicht einer Gefahr vermeldenden Hektik. Auf der Straße unter unserem Haus bleiben immer wieder Autos stehen, die Menschen steigen aus, schauen hinunter, wechseln ein paar Worte, zucken mit den Schultern, steigen wieder ein und fahren weiter.
Der typische Klang eines Hubschraubers zerschneidet plötzlich die Luft – da ist es bereits, das gelbe Gefährt und landet auf der Wiese, außerhalb meines Sichtfeldes.
Einer der Traktoren, der mit einem Kran aus gestattet ist, schnappt sich Heuballen um Heuballen –Brett um Brett und schlichtet alles um. Stimmen sind keine mehr zu hören. Die Rettung fährt wieder weg, die Polizei fährt wieder weg, der Hubschrauber startet mit unglaublichem Getöse in Richtung Graz.

Ich sehe meinen Nachbarn auf der Straße, der sorgenvoll auf das Feld starrt, ich beschließe ihm Gesellschaft zu leisten. Gemeinsam schauen wir nach unten und fragen uns, was geschehen sei. Beide wollen wir nicht als zu neugierig gelten, aber man kennt sich doch im Ort und sorgt sich umeinander. Vor allem weil man weiß, dass die Kinder der Bauern dort unten immer beim Arbeiten dabei sind.
Es ist nun fast Mittag, meine Nachbarin kommt vom oberen Feld, auch sie hat oben die Schreie gehört und sorgt sich. Wir beschließen Mittag zu machen, wünschen einander „Mahlzeit“, gehen auseinander und wären doch lieber zusammen, bis die Nachricht kommt, was wirklich geschehen ist.

Ich setze mich auf den Balkon und spüre diese entsetzliche Stille, die plötzlich herrscht mit jeder Faser meines Körpers. Kein Vogel zwitschert, kein Rasenmäher ist zu hören –
alles hat inne gehalten. Als die Sirene ertönt, zucke ich zusammen – es wird doch nicht schon wieder etwas passiert sein, erst heute Nacht habe ich sie gehört – nein, es ist nur Samstagmittag und die Sirene übt ein wenig den Ernstfall, sie weiß ja nicht, dass dieser gerade geschehen ist. Noch weiß ich auch nichts, aber das mulmige Gefühl bleibt.

Vor allem das mulmige Gefühl, weil ich nicht sofort Nachschau gehalten habe, ob man mich braucht. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich in den letzten beiden Jahren so feige und zaghaft geworden bin und mich zu einer Wegschauerin entwickelt habe. Mich ärgert, dass man es geschafft hat, dass ich mich nicht mehr einmische und nach Lösungen suche. Mich macht es grantig, dass ich mich verunsichern lasse in meinem Tun und ich hoffe, dass ich das wieder ändern kann, dass mein Mut und meine Kraft mich wieder hinschauen lassen, auch wenn meine Hilfeversuche oft als Einmischung verstanden werden.

Ich bete, dass das, was geschehen ist, ein gutes Ende für alle finden möge und danke allen, die so schnell zu Hilfe gekommen sind.

Ich denke, wir brauchen noch wesentlich mehr Hinschauer als Wegschauer, um Schlimmes verhindern und einander beistehen zu können, auch wenn man in seinem Tun manchmal falsch verstanden wird.